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Nach seinem Studium am renommierten Institut Français de la Mode, arbeitete Guillaume Henry im Designteam von Riccardo Tisci für Givenchy. Nach einem kurzen Intermezzo bei Paula Ka, übernahm er 2009 den Posten des Creative Director bei Carven und war für den Relaunch der Ready-to-Wear Linie verantwortlich. Er war es, der mit seinen Designs Carven zu einem der Labels des modernen French Looks machte.

Seit 2015 ist er für die kreative Leitung von Nina Ricci verantwortlich und zeigt mit der aktuelle Kollektion “La Femme Amoureuse” erstmals eine Ausstellung bei Andreas Murkudis. The Random Noise traf ihn zum Interview, um über seine Vision für Nina Ricci und die Erwartungshaltung an einen neuen Designer in einem bekannten französischen Modehaus zu sprechen.

Kiki Albrecht: Anfang 2015 bist du als Creative Director zu Nina Ricci gekommen. Wie lange dauert es sich in einem neuen Haus und bei einem neuen Label als Designer einzufinden?

Guillaume Henry: Um ganz ehrlich zu sein: als ich neu zu Nina Ricci kam, dachte ich es wird sicher ganz schnell gehen. Aber es ist doch nicht ganz so einfach. Denn Nina Ricci ist eine Marke, die vor allem in Paris ein Teil von fast jeder Person ist. Und da kann ich natürlich nicht sofort reinkommen. Es dauert einige Zeit sich in das Vokabular des Hauses einzufinden, um dies dann mit zu gestalten. Zudem kam ich alleine zu Nina Ricci, das Team um mich herum war bereits seit langer Zeit dort. Ich musste mich dann erst einmal einfinden in die Feinheiten und in einen neuen Zugang zur Mode. Für mich hat sich dann herauskristallisiert, dass ich in der ersten Saison eine ganz ruhige und klare Kollektion zeigen wollte. Ich wollte das Vokabular kreieren und den Ausdruck zeigen, den Nina Ricci für mich hat. Die Fragen, die mich bei der ersten Kollektion beschäftigten, waren sehr klar: Wie sieht ein Mantel aus? Was für einen Schnitt hat die Hose? Welche Farben trägt die Nina Ricci Frau? Wie sieht das Abendkleid aus? Das waren Grundsätze, die mir halfen mein ganz eigenes Fundament für das Label zu gründen. Und mit den neuen Saisons habe ich dann einzelne Feinheiten herausgearbeitet. Und heute habe ich das Gefühl, dass Nina Ricci und ich enge Freunde geworden sind.

Kiki Albrecht: Wie hast du dich der Essenz der Marke genähert und was hat dir dabei geholfen?

Guillaume Henry: Ich sehe jedes Label wie einen Charakter. Also habe ich mich gefragt: Wer ist Nina Ricci? Für mich ist sie definitiv eine erwachsene Frau. Um diese Figur herum habe ich einige Assoziationen gefunden, um sie zu beschreiben: sie ist sehr weiblich und spontan, verführerisch und begehrenswert, aber auch launenhaft, fast wie ein freier, fliegender Vogel.

Kiki Albrecht: Diese Frau hört sich für mich sehr französisch an.

Guillaume Henry: Ja, sie ist tatsächlich sehr französisch. Das Atelier von Nina Ricci liegt auf der Avenue Montaigne. Heutzutage sind dort nicht mehr all zu viele Franzosen, aber in den 50er und 60er Jahren war es der Ort, wo sich die gebildete, wohlhabende Bourgeoisie aufgehalten hat. Und der bourgeoise Aspekt ist ein Schlüssel für mich. Die Idee einer Eleganz, die aber auch verführerisch, frei und spontan ist. Ich mag die Idee die Bourgeoisie mit einer gewissen verführerischen Spannung zu brechen, einen Kontrast zu erzeugen.

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Kiki Albrecht: Wie bringst du die Essenz von Nina Ricci mit deinen neuen Ideen für das Label zusammen?

Guillaume Henry: Nina Ricci hat eine tolle Geschichte. Sie ist zwar der Namensgeber des Labels, aber eigentlich hat sie nie etwas designt. Es war ihr Sohn, der die Marke entwickelt hat und sie nach seiner Mutter benannte. Es ist eines der ältesten Labels in Frankreich und wurde bereits in den späten 30er Jahren gegründet. Es gibt keine klare Silhouette wie bei Balenciaga, bei Yves Saint Laurent oder Christian Dior. Bei diesen Labels sieht man ganz klar eine Jacke, einen Anzug, ein Kleid vor sich. Aber wenn man nach Nina Ricci fragt, erinnern sich die meisten an das Parfum. Ich bin also nicht wirklich an den in der Vergangenheit designten Kleidern interessiert, sie sind keine Grundlage der Marke für mich. Aber das Parfum ist sehr interessant. Wenn eine Frau einen Raum durchquert, hinterlässt sie einen Hauch ihres Parfums. Daher interessieren mich Fragen wie: Was ist das für ein Parfum, wer trägt das Parfum? Und mit diesen Gedanken kreiere ich meine Kollektionen.

Kiki Albrecht: Vor Nina Ricci hast du fünf Jahre bei Carven gearbeitet und das Label neu aufleben lassen. Wie hoch ist heutzutage die Erwartungshaltungen an einen Designer, wenn er bei einem neuen Label anfängt?

Guillaume Henry: Natürlich gibt es einen großen Druck, aber ich wende es offen gestanden einfach ab. Ich bin sehr glücklich, dass ich aktuell das machen kann, was ich liebe, auch wenn es vielleicht irgendwann mal nicht mehr gehen sollte. Ich hatte wirklich großes Glück. Ich kann nur machen, was ich mag und was ich kann. Heutzutage mit all den Medien bekommt man außerdem fast zu viele Informationen. In zwei Minuten kannst du gleichzeitig das Schlimmste und das Beste über dich hören, dass ist doch einfach verrückt. Es ist nicht egoistisch gemeint, aber erst einmal muss ich mit meiner Arbeit selbst zufrieden sein. Ich muss fühlen, dass es richtig ist. Natürlich bekommt man gute Ratschläge und all das, aber ich muss fühlen, dass ich das Richtige tue.

Kiki Albrecht: Die Ausstellung von Nina Ricci bei Andreas Murkudis zeigt große schmale Puppen, die fast wirken als ob sie tanzen. Was ist die Idee dahinter?

Guillaume Henry: Für mich ist Nina Ricci eine Frau in Bewegung, sie ist nicht starr oder in Pose. Als Designer inspirieren mich vor allem Schauspielerinnen und Filme. Ich liebe einige der Ikonen wie Romy Schneider oder Monica Vitti. Sie hatten eine gewisse Ehrlichkeit, es gab kein Marketing, nichts. Sie zogen an, was sie wollten. Sie sagten, was sie dachten und waren dadurch unheimlich glamourös. Sie sahen fantastisch und einfach ehrlich aus. Sie vermittelten eine gewisse Ehrlichkeit.

Und wenn ich an Nina Ricci denke, ist sie für mich diese Frau in Bewegung. Bei unseren Shows zum Beispiel kommt das Model niemals ein zweites Mal auf den Laufsteg. Sie durchquert den Raum und ist verschwunden. Sie ist eine Frau, der man folgen muss. Auch bei unseren Kampagne shooten wir keine klassischen Fotos mit geposten Models, es ist fast mehr wie ein Paparazzi-Shooting. Die Models durchqueren den Raum, sie sollen sich frei bewegen und nicht posen. Wir arbeiten mit dem deutschen Fotografen Thomas Lohr für unsere Kampagnen, ich bewundere seine Arbeit. Meistens liegt er auf dem Boden und fängt die Impressionen ganz spontan und situativ ein. Und diese Idee der Bewegung wollte ich in der Installation umsetzen.

Kiki Albrecht: Wie hast du diese Idee der Bewegung konkret umgesetzt?

Guillaume Henry: Die Mannequins sind eine Re-Edition von Schaufensterpuppen aus den 50er Jahren, die damals bei den Couturiers verwendet wurden. Sie sind sehr groß, sehen fast aus wie fliegende Vögel oder Tänzerinnen, fast wie Flammen. Sie drehen sich in der Bewegung um sich selbst. Wenn ich von dieser Bewegung spreche, dann meine ich aber auch die Bewegung der Kleider: der sich verändernde Glanz, wenn das Licht auf die Oberfläche trifft. In jeder meiner Kollektionen für Nina Ricci gibt es etwas Funkelndes wie eine Satinbluse oder ein Samtkleid. Auch die Bilder auf den Schaufenstern von Andreas Murkudis sind dem angelehnt: Frauen die vorbei laufen, der Betrachter bekommt nur einen Moment mit, eine Bewegung.

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Kiki Albrecht: Was hat dich bei der gezeigten Kollektion “La Femme Amoureuse” inspiriert?

Guillaume Henry: Für mich ist eine Kollektion immer die Antwort auf die Kollektion zuvor. Diese Kollektion war sehr französisch und vom Film inspiriert. Meine Idee war eine verliebte Frau, fast wie in einem Barbra Streisand Song. Ich wollte eine Kollektion kreieren, die diese Emotion des Verliebtseins sehr stark transportiert. Der Zustand ist fast in dem Sinne: es ist mir egal wie ich aussehe, ich bin gerade begehrt! Daher sind einige Kleidungsstücke etwas zerstört, die Kleider und Mäntel sind leicht knitterig. Gleichzeitig ist die Kleidung sehr aufwendig und verführerisch gemacht, zarte Spitze trifft auf Samt und filigrane Volants. Die nächsten Kollektionen werden dann ähnlich und doch anders werden. Für mich kann man nicht einfach die vorherige Kollektion außer Acht lassen, es ist mehr eine Entwicklung. Es wird die gleiche Frau sein, nur vielleicht an einem anderen Ort.

Kiki Albrecht: Was ist deine Vision für Nina Ricci?

Guillaume Henry: Ich würde gerne sehen, dass die Nina Ricci Frau wahrgenommen wird und die Marke nicht nur für schöne Kleidung steht. Als ich zu Nina Ricci kam, war die Marke nicht wirklich am Leben. Für mich kommt ein Label zum Leben, wenn man mit ihm etwas assoziieren kann. Wörter, die vielmehr einen Charakter und eine Person beschreiben.

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Bilder © Ana Santl