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Kera Till. Ihre Illustrationen kennt man von Tokio bis München. Ob Biotherm, Hermès oder die Vogue – Kera’s Zeichnungen zieren Werbekampagnen, Schaufenster und Magazinseiten. Ganz bodenständig lebt und arbeitet die Kreative in ihrer Geburtsstadt München. Sie empfängt uns in ihrem Atelier in Haidhausen, einen Katzensprung vom Käfer-Stammhaus entfernt, in welchem wir uns zum Kaffee am Freitagnachmittag treffen um uns über Arbeit, Instagram und  Fashion-Trends zu unterhalten.

Erzähle uns von Deinem Werdegang, Kera..

Ich habe seit ich denken kann gezeichnet und Mode illustriert – als dreijährige natürlich eher Prinzessinnen (lacht). Irgendwie gab es, als ich das Abitur abgeschlossen hatte, nicht viele Illustratoren. Modeillustration war groß in den 50er Jahren, aber eben nicht als ich in dem Alter war einen Beruf anzufangen. Somit studierte ich kurz Architektur, was mir nicht so sehr gefiel, und schließlich Politikwissenschaft. Das war als Studium gut, aber nicht meine Leidenschaft. Ausschlaggebend war für mich ein Praktikum bei Net-à-Porter in London, in der Abteilung für Produktshootings. Vielleicht ging das Dir auch so als Du in Paris warst – das Ausland hat mir neue Impulse gegeben. Ich wandelte – auf Rate der damaligen Artdirektorin – meine lose Zettelsammlung in ein Portfolio um. Sie war es auch, die mir meinen ersten kleinen Auftrag erteilte: die Illustration eines Jeans-Specials bei Net-à-Porter. Diese erste Referenz sendete ich an die deutsche Vogue. Der gefielen meine Arbeiten und so konnte ich fortan immer mehr für das Magazin machen. Nach der Zeit in London arbeitete ich in München für Mytheresa. Irgendwann merkte ich, dass ich mich lieber voll und ganz auf die Zeichnung konzentrieren wollte anstatt einem Bürojob nachzugehen. Glücklicherweise hatte ich genügen Aufträge um dies auch tun zu können.

Als du deiner Leidenschaft, dem Zeichnen, die zentrale Rolle in deinem Leben überlassen hast –  hast Du da Pro-Contra-Listen gemacht oder es mit dem Bauchgefühl entschieden?

Mich hat der Spirit von Net-à-Porter beeinflusst. Dieses “Geh einfach raus und mach es” von der Gründerin Natalie Massenet wurde dort so stark vorgelebt. Natalie ist ja Amerikanerin und auch wenn es wie ein Klischee klingt, diese Attitüde der “unbegrenzten Möglichkeiten”, die man mit Amerika immer verbindet, die kann einen schon wirklich beflügeln und Ängste nehmen. In Deutschland war ich viel öfter Zweifeln ausgesetzt. Es war eher so als wäre ich eine Art Außenseiter mit meiner Zeichenleidenschaft. Ich glaube schon, dass die Zeit in London mich sehr inspiriert hat. Überhaupt war die Community bei Net-à-Porter ganz besonders. An Freitagnachmittagen beispielsweise gab es immer Cocktails und wir haben gemeinsam gesungen.

Wie kam es zu deinen Arbeiten für die Patisserie Ladurée – auf der ganzen Welt sind sie bekannt für Macarons?

Ach, ich war einfach jung und vielleicht auch ein bisschen naiv. Ladurée war nach der Vogue einer meiner ersten Kunden. Ich habe da einfach angefragt und es hat geklappt! Das würde ich heute glaube ich nicht mehr machen… Ich arbeite seit acht bis neun Jahren bereits für sie. Das nächste Projekt wird es sein, die Macaron-Box für die Ladurée Eröffnung in Luxemburg zu entwerfen. Über das Design kann ich allerdings noch nichts verraten…

Deine Bandbreite reicht von Werbeaufträgen über Merchandising bis hin zum Co-Design von Produkten oder auch deine eigenen Schreibwaren und Prints. Es scheint, als würdest du in einem permanenten kreativen Fluss sein. 

Social Media, insbesondere Instagram, haben meine Arbeit extrem flüssig gemacht. Es ist nicht mehr “Ah ich muss mal meine Website updaten und da muss dann ein Programmieren kommen”, sondern ich poste halt etwas Passendes zum Valentinstag, wenn mir danach ist. So kann ich meine Sachen viel viel leichter teilen. Ich selbst inspiriere mich auch sehr an Instagram.

Gibt es auch Schattenseiten?

Natürlich, es wird extrem viel kopiert. Wenn es mal kleine Mädels sind, finde ich das ganz süß, aber es gibt auch Nachahmung durch professionelle Illustratoren.

Was sind heute für dich als bereits etablierte Illustratorin die Herausforderungen im Arbeitsalltag?

Aufträge zu priorisieren und auch mal „nein“ zu sagen fällt mir noch immer schwer. Es ist ein täglicher Kampf. Ich freue mich immer noch wahnsinnig darüber, dass Leute mich für meine Leidenschaft und das was ich liebe, beauftragen. Aber ich kann einfach nicht alles machen. Ich versuche sogar manchmal mit Hilfe von Sachliteratur, so Life-Hack-Büchern, diese Schwachstellen auszubügeln, um effizienter zu werden im Arbeiten und in den Entscheidungen, die ich tagtäglich treffen muss. Meine Mitarbeiter helfen mir auch sehr, ein bisschen zu filtern.

Ein Mittwoch im Leben von Kera Till. Wie kann man sich diesen vorstellen?

Als ich noch im Home Office war, habe ich die Freiheit genossen, mich einfach auf die Arbeit zu konzentrieren, ohne mich groß dafür zu kleiden oder zu schminken. Gerade die Morgenstunden sind für mich sehr wertvoll. Zwischen 6 Uhr und 11 Uhr bin ich am produktivsten – das sind meine besten Stunden. Natürlich habe ich auch ein soziales Leben und kann dies nicht immer machen, aber ich bin einfach arbeitstechnisch keine Nachteule. Als ich dann das Büro gründete, ist etwas Witziges passiert: ich setzte mich selbst unter Druck, jeden Morgen um 9 Uhr im Büro zu sein. Jeden Morgen dann fix immer gleich aufstehen zu müssen, die Handtasche zu packen ohne etwas zu vergessen… darunter litt ich regelrecht. Es entsprach mir schlichtweg nicht. Bis mich Natascha, meine Assistentin, darauf hinwies: Hey, das muss so gar nicht sein, du kannst dir den Tag so gestalten wie du magst. Und genauso handhabe ich es heute. Es ist schön, flexibel zu sein und trotzdem einen Ort zu haben, wo man mit einem Backoffice an Projekten arbeiten kann. Manchmal fange ich den Tag auch ganz entspannt im Bett an, mache dort Emails oder zeichne bereits. Wenn ich Termine habe, so wie den unseren, dann komme ich gerne hier ins Käfer. Reisen stehen natürlich auch regelmäßig an – nach Paris oder zu meinem Freund, der in Hamburg lebt.

Also alles, außer Routine.

Ich habe keine Routine in München. Nicht so wie Andere, die so jeden Abend zum Yoga gehen – Yoga hasse ich eh. Aber nee, sowas wie Routine, das gibt es nicht.

Hast du Vorbilder?

Mich interessieren erfolgreiche Menschen, aber meist aus ganz anderen Bereichen. Dann lese ich auch gerne, was zu deren Erfolg beigetragen hat. Natalie Massenet fand ich toll. Neulich inspirierte mich ein Artikel über die Disziplin von Tom Brady, dem Freund von Gisele Bündchen. Der Artikel erschien an dem Tag bevor seine Mannschaft den Super Bowl im Football gewann.

Du trägst gerade einen schwarzen Rollkragenpullover. Derzeit sind eine Vielzahl von Illustrationen in deinem Shop “Col-roulé”-Bilder. Erlebt der schwarze Rollkragenpullover eine Renaissance?

Ich selbst trage gerne schwarze Pullis einfach. Aber es stimmt, ich mag das grafische an dem schwarzen Rollkragenpullover. Auch für Fotografen ist ein Rollkragenpullover ein gutes Styling, um Bilder einen gewissen grafischen Aspekt und Rahmen zu verleihen. (Anm. d. Red.: März 2017: Lustigerweise zeigt das aktuelle Cover von der US Vogue auch Rollkragenpullis!)

Wenn du Streetstyles oder Modeschauen illustrierst, wonach suchst du deine Motive aus?

Ich achte auf die Wirksamkeit des Motives. Die Blumen im Haar der Models auf der Haute Couture Show von Maria Grazia Chiuri zum Beispiel fand ich toll und habe es sogleich auf meinem Vogue-Blog gepostet. Oder den Herz-Mantel von Yves Saint Laurent. Interessant ist auch die Wirksamkeit unterschiedlicher Motive auf Instagram. Egal wie cool alle immer sein wollen und Fans sind von Vêtements und Céline – die meisten Likes bekommt dann doch das Bild mit dem Tüllröckchen.

Wo shoppst du am liebsten?

Ich kaufe heute viel lieber Möbel oder Design-Objekte ein. Gerade bei Kleidung fällt es mir schwer – wenn ich beispielsweise auf Reisen bin – etwas zu kaufen, das etwas Besonderes ist, und ich nicht auch bei uns bekomme. Das gibt es heutzutage einfach nicht mehr. Als ich in New York meiner Mutter etwas mitbringen wollte, habe ich ihr am Ende ein kleines Empire State Building gekauft. Da alles überall auffindbar oder zumindest bestellbar ist, bleibt nur der lokale Kitsch.

Was durchaus inspirieren kann und lokal unterschiedlich ist, sind die Präsentationen im Retail. Colette war Vorreiter und machte die Boutique zum museumsartigen Concept Store, Merci zeigt im innersten Stock Interior Design jenseits vom Mainstream. Die Auswahl im Broken Arm lässt dich den Zeitgeist der neuen Generation von Designern wirklich spüren..

Mein Lieblingskaufhaus, und ich finde es ist eher ein Concept Store, eben wegen seiner Auswahl beziehungsweise Kuration, ist Le Bon Marché in Paris. Dort verbringe ich so oft beinahe ganze Tage zwischen der Rose Bakery und den liebevoll eingerichteten Etagen. 

Hast du schon einmal für Le Bon Marche illustriert?

Ach, das wäre toll! Mein Malbuch und auch meine Ladurée-Produkte sind dort zumindest käuflich erhältlich.

Was die Gestaltung eines Kaufhauses angeht: im Kaufhaus Oberpollinger in München hast du auch mitgewirkt…

Ja, ich habe das Maskottchen für die neue vierte Etage des zur KaDeWe-Gruppe gehörende Oberpollinger in München entworfen. Das ist ein Dackel in der Corporate Identity Farbe des Oberpollinger. Ansonsten arbeite ich auch viel mit anderen Kaufhäusern zusammen – von Breuninger bis hin zu Ludwig Beck. Ich mache viel Kunden-Personalisierung. Das ist derzeit wirklich sehr gefragt. Wobei man ja bisher fast alles personalisieren kann – sogar seine Seife bei dm.

Was kann man 2017 noch aus der Feder von Kerl Till erwarten?

Neben den laufenden Illustrationen für die Vogue oder Glamour, kommen auch dieses Jahr wieder ein paar größere Projekte von mir. Dann gibt es wie bereits erwähnt die neue Ladurée-Macaron-Box für den neuen Store in Luxemburg. Zudem wird die Marketing-Kollaboration mit Graf von Farber-Castell weiter gehen.

 

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Credits:
Portrait Kera Till: (c) Milen Till
Illustrationen: Ladurée,  Kera Till