Im Interview: Michael Michalsky

Michael Michalsky. Er ist Designer, Entertainer und läd jede Saison im Rahmen der Berlin Fashion Week zu einer der größten Partys der deutschen Modebranche ein. Er verhalf Adidas zu einem coolen Image, verpasste MCM ein Re-Design und war einer der ersten Designer, der mit Marken wie Ariel oder aktuell der Möbelmarke Metropolis kooperierte. Mit dieser Arbeit geht er einen sehr eigenen Wege, polarisiert auch und hat es geschafft, dass die deutschen Medien und selbst Kaiser Karl Lagerfeld ihn kennen. Ob man ihn mag oder nicht, seine Präsenz und sein Weg in die bekannteste Design-Riga des Landes ist unabstreitbar.

Genau dies führte mich dazu vor einiger Zeit einmal zwischen den Saisons in Michalskys Berliner Studio vorbeizuschauen, um mehr über sein Erfolgskonzept und seine Idee der Mode zu erfahren.

The Random Noise: Wie geht’s Dir jetzt, ein paar Wochen nach der letzten StyleNite?
Michael Michalsky: Mir geht’s ganz gut, die Show war ja ein großer Erfolg, wir sind natürlich immer noch mitten in der Verkaufsphase, aber so langsam bin ich relaxed. Und was interessant ist: wir hatten bereits schon die ersten Sketch Reviews für die nächste Saison.

Ist nach der Show also immer schon wieder vor der Show?
Eigentlich ist zwei Wochen vor der Show schon der erste Kick-Off für die neue Saison, wo ich das Thema mit Farben und den ersten Ideen meinem Team präsentiere. Jetzt, ein paar Wochen später, steht die erste konkrete Sketch-Review für Frauen, die für Männer war sogar noch früher fertig.

Im Rahmen der Berlin Fashion Week veranstaltest Du immer wieder eine der größten Shows mit bombastischer Aftershow Party und auch in den Medien wirst Du als einer der bekanntesten Designer Deutschlands betitelt. Was ist das Erfolgskonzept von Michael Michalsky?
Als ich mich selbstständig gemacht habe, bin ich natürlich der Überlegung nachgegangen, wie ich meine Mode präsentieren möchte. Und mir war eigentlich von Anfang an klar, dass ich es nicht so machen möchte wie andere Modelabels. Der Claim meiner Marke ist ja „real clothes for real people“, dass heißt, ich strebe danach Kleidung zu kreieren, die auch beim  Konsumenten endet. Ich kriege sehr viel Inspiration durch Street-Life, Club-Culture und Musik – das hat mich immer beeinflusst, auch bei meinen alten Arbeitgebern. Mode ist in der heutigen Zeit eben nicht nur Mode, sondern auch Entertainment. Und da war mir eigentlich klar, dass ich das mit einbinden möchte. Den Wandel sieht man ja auch daran, was für Medien heutzutage bei Fashion Shows sind, die vor 10-15 Jahren dort nicht aufgetaucht wären. Zudem wollte ich von Anfang an auch den Zusammenhang herstellen zwischen den Dingen, die mich inspirieren wie beispielsweise Musik – es gibt ja immer einen Musik-Komponente bei meinen Shows. Außerdem wollte ich, dass es ein flexibles Format bleibt, bei dem ich auch mal anderen Labels eine Bühne bieten kann oder wo ich Zusammenhänge zur Popularkultur herstellen kann, wie die Kinopremiere von „Tron“ im Januar 2011. Dementsprechend habe ich das Konzept der StyleNite entwickelt, das auch bewusst ein Get-Together von Leuten sein soll. Ich finde es immer ein bisschen schade, wenn eine Fashion Show nur zehn Minuten dauert und danach alle sofort auseinander gehen. Und das mache ich eben bewusst anders.

Im Studio von Michael Michalsky

Was hat Dir besonders in den Anfängen geholfen? Woran hast Du dich orientiert?
Als ich angefangen habe, war mir klar, dass ich als Independent Label gegen Labels die Teil von großen Konglomeraten sind, antreten würde. Um eine Marke zu starten – und Michalsky ist ja gleichzeitig ein Unternehmen was 30 Mitarbeiter hat – war mir wichtig relativ schnell Bekanntheit zu bekommen, weil ich mir keine Werbekampagnen wie die großen Häuser leisten konnte. Da habe ich eben von Anfang an den Weg der Kollaboration mit etablierten anderen Marken gewählt, die zu mir als Label passen. Und deshalb habe ich auch bewusst den Weg in die Öffentlichkeit gewählt, um beim Großteil der Bevölkerung überhaupt mal anzukommen. Denn nur wenn man ein gewisses Level an Bekanntheit hat, gibt es auch eine Nachfrage. Das vergessen ziemlich viele. In den letzten zehn Jahren hat sich die Modebranche da komplett geändert. Im Designer-Segment gibt es kaum noch unabhängige Independent Labels. Die großen Modemarken sind ja Teile von genau diesen Konglomeraten, sei es LVMH, PPR oder Richmont,. Mit denen wird man hier in Berlin fälschlicherweise vergleicht. Das habe ich jedenfalls von Anfang an analysiert und mich gefragt, wie ich damit in Bezug auf mein eigenes Labels umgehen kann. Denn letztendlich geht es ja um ein ähnliches Produkt, was in ähnlichen Kanälen vertrieben wird. Und das ist schlussendlich der Grund, warum ich die StyleNite als Format gewählt habe.

Ist die Person Michalsky denn gleich die Marke Michalsky?
Ja, das glaube ich schon! Das habe ich ja auch bewusst gewählt, weil heutzutage Konsumenten auch oft wissen wollen, wer die Person ist und was die Person hinter einer Marke beabsichtigt. Das ist was ich meinte: Mode ist auch Popularkultur und Teil des Entertainment-Businesses. Und meine Herrenmode trage ich beispielsweise viel selbst, da kreiere ich die Kleidung sehr stark danach wie ich bin. Man findet einen großen Sportswear-Anteil, weil das meine Geschichte ist, und ich entwerfe, was ich auch wirklich mag. Ich mache ja keine traditionellen Anzüge in dem Sinne – die sind schlussendlich immer unconstructed. Ja, ich bin schon die Marke! Bei der Frauenkollektion bin ich eher von den Frauen inspiriert, die mich umgeben. Meine Freundinnen, Bekannten oder die Frauen, die hier arbeiten.

Was trägt Michalsky privat?
Ich trage natürlich schon meine Sachen – nicht alles, denn um eine Kollektion rund zu machen, sind auch immer einige Teile mit dabei, ich persönlich nicht trage. Ich bin beispielsweise der T-Shirt Typ, habe heute die neue Hosenform an, die einen etwas tieferen Schritt hat und bei der Show sehr gut ankam. Aber ich ziehe nicht Kopf bis Fuß Michalsky oder MCM an. Die Sneakers verkaufen sich sensationell, es gibt Wartelisten und natürlich ist es toll, wenn man da an der Quelle sitzt.

Im Studio von Michael Michalsky

Du hattest angesprochen, dass viele Designer vergessen was die Modeindustrie ausmacht. Was würdest Du aus deiner Perspektive denn jüngeren Designern raten, um sich in Deutschland durchsetzten zu können?

Ich glaube, dass es grundsätzlich schwer ist sich als Designer durchzusetzen, nicht nur in Deutschland. Und ich glaube, wenn man sich selbstständig macht, muss man sich einmal hinsetzten und überlegen, das Design natürlich ein wichtiger Teil ist, um ein Produkt zu kreieren. Aber dass es heute so ein bisschen ist wie Bundesjugendspiele oder Olympiade – es gibt einfach unheimlich viele andere Faktoren, die mindestens genauso wichtig sind! Man sollte Ahnung haben von Betriebswirtschaft, kein BWL-Studium, aber ein Bewusstsein, dass man letztendlich ein Unternehmen ist. Sicherlich sollte man etwas von Marketing verstehen oder sich zumindest dafür interessieren, um an sich als junger Designer überlegen, wie man sich vermarkten möchte. Macht man das über die eigene Person? Das Produkt? Da gibt es ja tausende von Möglichkeiten. Sicherlich sollte man Ahnung von Produktion haben, welche Hersteller man wählt, wie man das aufziehen will, welche Qualität möchte ich haben. Auch sollte man sich für Sales interessieren. Es nützt einem leider nichts die tollste Kollektion auf Erden zu haben, man aber nicht weiß, wie man sie vertreiben soll. Macht man das über eine Agentur oder selbst? Da gibt es ja auch viele verschiedene Möglichkeiten. Das sind jetzt nur ein paar Sachen, die ich anschneide, aber letztlich sind es viele Disziplinen, an die sehr viele am Anfang nicht denken, wenn sie sich selbstständig machen. Viele denken: „Wow, jetzt bin ich Designer, jetzt kann ich all das kreieren was ich möchte“ und schlussendlich hat es auch etwas mit der eigenen Definition zu tun. Definiert man sich beispielsweise als Künstler – das gibt es ja auch in der Modebranche – hat es eben ganz andere Konsequenzen als wenn man sich als Designer positioniert, der einen Lifestyle kreieren möchte und der eine breitere Masse erreichen möchte. Das unterscheidet schlussendlich auch, wer dann mein Kunde ist. Wie alt ist dieser, wie viel Geld möchte er ausgeben? Was sind vergleichbare Labels? Am Ende des Tages geht es eben auch einfach um ein Geschäft mit dem man sich ernähren muss und gegebenenfalls auch die Leute, die für einen arbeiten. Und das vergessen viele manchmal. Es ging mir am Anfang genauso. Ich dachte: ich designe einfach nur das, was ich möchte! Das ist eigentlich definitiv nicht so. Natürlich mache ich all das, was ich möchte, und Sachen, zu denen ich 100 Prozent stehe. Aber um eine Kollektion rund zu machen, brauch man beispielsweise im Männerbereich eben auch eine Hemdenkollektion, obwohl ich persönlich kein Hemdenträger bin.

Würdest Du daraus schließend sagen, dass ein erfolgreiches Label davon abhängig ist, wo es positioniert ist?
Das glaube ich auch! Heutzutage gibt es einfach so viele Labels, wie glaube ich noch nie zuvor. In den 80er Jahren, als ich ein Teenie war und davon geträumt habe, Designer zu werden, gab es gefühlt nur zwei Hände voll von Designern, die man irgendwie kannte. Da ging das gerade erst los, dass man markenaffin wurde. Inzwischen gibt es soviel Designer, Labels und Brands, wo keine bestimmte Peron dahinter steht, da muss man sich genau überlegen, wo man verkaufen möchte und wie man für den Kunden dementsprechend die Preise anpasst.

Du hast prägend für Levis, Adidas und MCM gearbeitet, dein Label hat nun Zuwachs von einer Männerlinie bekommen. Welche Aspekte hast Du aus der Arbeit mit den unterschiedlichen Marken mitgenommen?
Das ist sehr schwer zu vergleichen. In der Arbeit der bereits bestehenden Brands probiert man die DNA der Marke offenzulegen. Durch Forschung im Archiv zum Beispiel, setzt man sich mit der Marke auseinander und es entstehen eigentlich drei, vier Paramenter, die ein Spielfeld vorgeben, in dem man sich austoben kann. Dort sieht man dann was zur Marke passt und was nicht. Bei meinem Label hingegen bin ich von Null gestartet. Ich musste erstmal gucken, was die Marke beinhalten kann, wie weit kann man gehen, was ist man, was ist man nicht. Das ist ein großartiger Lernprozess, aber eben auch der Unterschied, wenn man selbstständig ist. Und das geht vielen Designern so: man muss sich die DNA selbst erarbeiten.

Im Studio von Michael Michalsky

Gab es bei Dir eine prägende Erfahrung, die deine Parameter der Marke beeinflusst haben?
Ja, sicherlich! Ich analysiere nach jeder Saison meine Kollektion und irgendwann hat sich herauskristallisiert, dass der Michalsky-Mann immer ein sportives Element haben sollte, weil es eben das ist, was die Leute von mir erwarten und was sich im Handel auch sehr gut verkauft. Meine Glaubwürdigkeit kommt sicherlich daher, weil ich auch selbst so bin.

Und wie hat sich die Idee der eigenen Männerlinie dann entwickelt?
Die Männersachen sind über die Jahre hin sehr erfolgreich geworden und der Michalsky-Mann ist etwas anders als die Frau. Er ist sportiver, hat eine gewisse Lässigkeit. Bei den Frauen ist es etwas mehr elegant mit eine cleveren Sexyness. Bis zu einem gewissen Punkt ließ sich das gut zusammen stylen, schlussendlich wurde es aber immer schwieriger eine Message zu transportieren. Wenn man beispielsweise abends ausgeht und eine sexy angezogene Frau sieht, ist ihr Freund nicht unbedingt im gleich Look, sondern vielleicht etwas sportlicher. Und im Endeffekt hat sich das daraus entwickelt.

Die Titel deiner Kollektionen sind immer sehr prägnant und vereinen ja auch wieder beiden Linien – wie und wonach wählst Du diese aus?
Ich bin so ein kleiner Seismograf: ich bin absolut am Leben interessiert, bin Informationsjunkie, bin im Netz, lese Zeitungen, Magazine. Und irgendwie bleibt bei mir immer ein Thema hängen, wo ich das Gefühl habe, dass das viele Leute beeinflusst oder viele darüber nachdenken. Das versuche ich dann aufzugreifen und durch die Mode sprechen zu lassen. Es ist ein übergreifendes Thema, dass bei Männern dann aber anders interpretiert wird als bei Frauen. Das mache ich seit Anfang an und liege dort auch oft richtig. Bei meiner Show vor knapp vier Jahren im Busdepot im Wedding war das Kollektionsthema „Democulture“, zum Jubiläum von 25 Jahre Grüne und 40 Jahre 68er. Es ging darum zu zeigen, dass heute ganz andere Leute auf eine Demo gehen als in den 80ern. Und genau das sah man dann ein Jahr später bei Stuttgart21. Ich hatte auch die „Atomkraft – nein danke“- T-Shirts als Luxusversion gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass es sich heute nicht mehr ausschließt ein ökologisches Bewusstsein zu haben und gleichzeitig an schönen Dingen, Mode und Style interessiert zu sein.

Herzlichen Dank für das Interview und den Blick in’s Studio!

Im Studio von Michael Michalsky

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Fotos: Kiki Albrecht/The Random Noise

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