Studio Visit & Interview Alexandra Kiesel

Bereits Ende Dezember ging es für mich an einem regnerischen Mittwoch ins Atelier von Alexandra Kiesel im Prenzlauer Berg. Dank des Designer for Tomorrow Awards by Peek & Cloppenburg Düsseldorf hat die junge Desigerin ihre eigene Show auf der diesjährigen Fashion Week gewonnen und zeigt just in diesem Moment ihre neuesten Kreationen auf dem Laufsteg im Zelt.  Der Blick in ihr Studio zeigt, wie Alex an der Kollektion arbeitet, die diese Saison den Namen “Support your local hero” trägt. Wie genau sie dies umgesetzt hat und wie sich ihr Leben seit dem letzten Sommer veränert hat, verrät sie nun im Interview.

The Random Noise: Wie bist du zur Mode gekommen und wie kam es dazu, dass du dich beim „Desiger für Tomorrow by Peek&Cloppenburg Düsseldorf“-Award  beworben hast?

Alexandra Kiesel: Den Anfang machte meine Mutter, als sie mir gezeigt hat Puppenkleider zu nähen. Meine Großmutter brachte mir dann bei die erste richtige Hosen zu schneidern, exaktes Nähen mit harter Schnittführung und diktierender Hand. Sehr stickt und streng. Dann habe ich selbst mit allen möglichen Stoffen, die mir in die Hände gefallen sind, Schnitte und Formen auszuprobieren. Um es richtig zu Lernen, entschied ich mich für eine zweijährige Ausbildung in Leipzig und anschließend ein Diplom-Studium an der Kunsthochschule Weißensee. Dort verbrachte ich sechs Jahre, inklusive freier Projekte und einem Auslandssemester in einer Bildhauerei [daher stammen auch die großen Kopf Skulpturen, die in der Wohnung liegen].

Im Februar 2011 hatte ich mein Dilpom abgeschlossen. Da ein guter Freund von mir, Parsival Cserer [„Desiger for Tomorrow“-Award Gewinner 2010] bereits an dem Wettbewerb teilgenommen hatte sowie andere meiner Kunsthochschule, war „Designer für Tomorrow“ schon ein Begriff. Die Ausschreibung habe ich in der Uni entdeckt und mich einfach beworben.

Studio Visit & Interview Alexandra Kiesel

Was hat sich in deinem Leben seit deinem Gewinn im Juli 2011 verändert?
Komplett alles! Die Phase vor dem Entscheid habe ich in Berlin erst einmal bei Freunden aus dem Koffer gelebt, danach dann habe ich mir diese kleine hübsche Wohnung inklusive Atelier geholt. Beruflich arbeite ich natürlich das Erste mal an meiner eigenen Kollektion. Für das Diplom hieß es, 16 Looks in einem Jahr zu kreieren – jetzt habe ich ca. 4 Monate für 30 Outfits und natürlich ein tolles, dickes Budget, welches ich davor auch nicht hatte. Es war schon eine gewaltige Umstellung und man muss richtig reinklotzen. Durch die finanziellen Möglichkeiten konnte ich zusätzlich Berliner Künstler in meine Kollektion involvieren und mir zwei fleißig Praktikanten leisten. Neues Wohnen, neues Arbeiten, neues Privatleben. Alles hat sich umgekrempelt. Neues Wohnen, neues Arbeiten, neues Privatleben. Alles hat sich umgekrempelt.

Studio Visit & Interview Alexandra Kiesel

Du hast Marc Jacobs in New York besucht, warst auf der Première Vision in Paris, entwickelst deine Kollektion. Was hast du Neues über die Modeindustrie gelernt?
Das Atelier von Marc Jacobs ist im Vergleich zu anderen Labels schon beeindruckend groß. Bei Marc steckt eben ein wahnsinnig riesiges Unternehmen dahinter. Einen Tag nach seiner Show Marc by Marc Jacobs reihten sich die Einkäufer schon im Atelier auf, haben sich die Accessoires bereits herumgereicht und überlegt, in welchen Mengen sie ordern. Da geht es zackig zu. Trotzdem ist alles sehr organisiert, weil zwei Tage später gleich die nächste Show ansteht. Es gab klare Strukturen, jeder wusste was er machen musst.

Der Besuch auf der Première Vision hat mir gezeigt, dass ich dort noch lange nicht bin. Als junger Designer steht man neben den Einkäufern von Acne oder COS, die 300m eines Stoffes wollen – man selbst möchte eigentlich nur 5m haben. Nicht die falsche Adresse, aber es ist eine noch zu große Dimension.

Und neue Erfahrungen mit den Medien?
Wahnsinnig viel. [Sie geht zu einem der Schubfächer und zeigt mir ein kleines Sammelsurium an Artikeln.] Ich hab nur ein paar Sachen gesammelt und P&C hat für mich diese zwei dicken Presseclippings gemacht.  Die Resonanz war überwältigend, viele Zeitschriften kannte ich davor gar nicht und als junge Designerin ist der Support natürlich sehr hilfreich.

Und ja, es gab auch ein paar negative Erfahrungen. In einem Artikel wurde ich so dargestellt, als ob das Treffen mit Marc Jacobs der aufregendste Moment meines Lebens war. Natürlich finde ich ihn eine tolle Persönlichkeit und wir verstehen uns wunderbar, aber einen Star-Kult zelebriere ich nicht.

Wie ist denn Marc Jacobs persönlich?
In den kurzen Tagen haben wir uns sehr gut verstanden, aber eben auf eine lockere Art. Wenn de Fotografen etwas von uns wollten, wussten wir gegenseitig den ganzen Trubel zu handeln, die Ebene hat einfach gestimmt. Als Designer finde ich ihn auch sehr sympathisch Wie er arbeitet und mit seinen Mitarbeitern umgeht, ist großartig und wahnsinnig fleißig. Er gibt nicht viel aus der Hand, bzw. geht mit den einzelnen Näherinnen und Designerinnen alles gemeinsam durch. Diese kurzen, aber wichtigen Kommnukationswege machen ihn und seine Arbeit einfach authentisch.

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Was hat dich und die neue Kollektion am meisten in den letzten 5 Monaten geprägt?
Die neue Kollektion war eigentlich schon zwei Tage nach dem Preis klar. Schon immer wollte ich einmal mit diversen Künstlern zusammenarbeiten und durch das Budget sind die aufwendigen Digitaldrucke möglich geworden. „Yeah, jetzt mach ichs“ habe ich mir gedacht. Als ich auf dem Konzert von Petula, einem Freud von mir, war, spürte ich in seiner Musik eine bestimmte positive Aufbruchstimmung, die meine neue Kollektion auch verkörpern soll.

In Paris war ich noch im Musee d’Orsay, die Bilder der Impressionisten dort gaben mir die Farben der neuen Kollektion. Eigentlich war ich nie Fan dieser Zeit, ich mag  den Pointillismus gar nicht so, sondern eher den Gegensatz Bauhaus. Aber der Umgang mit Farbe war sehr toll. In meiner Recheche habe ich gelesen, dass damals neue Formen von Farbpigment-Mischungen gefunden wurde, daher die Fülle und Explosion an Farbe. Von den Bildern habe ich mir ca. 10 Töne herausgesucht.

Also trifft dein typisches Baukastenprinzip auf die Impressionisten diese Saison?
Ja, die werden jetzt da reingepresst.

In einem Interview sagtest du mal, das Baukastenprinzip ist Grundlage deines Labels. Wie entwickelst du dies nun weiter?
Es geht weiterhin so. Es gibt neue Module, eine Erweiterung, sodass alle Kollektionen miteinander einhergehen. Es gibt erneut die normale Schulter, aber auch die breitere Schulter. Es werden Elemente dazuaddiert. Ein neuer, etwas aufgelockerter Look, aber trotzdem noch Baukasten. Während es im Sommer noch mehr klassische Elemente wie Reverskragen waren, habe ich mich nun etwa weiter vor gewagt und die Form gesprengt, mit etwas mehr Volumen gearbeitet.

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Hast du ein persönliches Lieblingsstück?
Mein Herzblut dieser Saison ist wohl der Betrüger, ein viereckiger Kragen, der mal in die Kleidung mit eingearbeitet ist, mal als zusätzliches Element auftaucht. Sonst einfach die fröhliche, lockere Stimmung, die, obwohl ich selbst gar nicht so bin, eher mädchenhaft ist. Die allgemeine Wirkung der Kollektion ist mir wohl am wichtigsten.

Was hat Dich in also inspiriert?
Neben der Musik und dem Museum vor allem die Arbeit mit den Künstlern zusammen. Gemeinsam haben wir herumdiskutiert und die Stoffmuster entwickelt. Die Prints bestimmen viele Kleiderstücke, erst wenn ich die Stoffe in der Hand halte und zusammen vor mir sehen, entstehen sie in meinem Kopf.

Kannst du noch etwas zu den Künstlern sagen, deinen „local heros“?
Es waren insgesamt sechs Künstler aus verschiedenen Richtungen wie Streetart die den Druck „Besteck Köpfe Hände“ gemacht haben, kleinteilige Motive einer französischen Illustratorin, eine ganz feinen Zeichnungen „Day and Night“ oder weitere Illustratoren wie Golden Cosmos, die den Print „Paradis“ entworfen haben. Eigentlich sind es alles Freunde von mir von der Kunsthochschule Weißensee, dessen Arbeit ich aber sehr schätze und ihre Motive schon immer einmal gerne mit aufnehmen würde. Auch sie finden es spannend jetzt ihre Kunst auf einem Stoff und in einer ganz anderen Form zu sehen. Auch die Arbeit mit den impressionistischen Farben und Formen war neu für alle von uns – denn eigentlich sind wir alle vom Bauhaus doch mehr geprägt.

Ketten und Hüte ergänzten deine letzte Kollektion, auf welche Accessoires hast du diesmal Wert gelegt?
„Support your local Heros“ heißt ja die neue Kollektion und durch die Impressionisten kam ich auf die Canotier Strohhüte und Korb. Ein Korbmacher aus dem Prenzlauer Berg macht mir die Armbänder und Halsbänder aus Korb und hat mir das Material für die Betrüger und Taschen gegeben, die ich hier selbst anfertige. Als Pendant zu den Baukastensteinen habe ich nun die bunten Rechenstäbchen als Kette verarbeitet, die ich in Paris bei einer Freundin zu Hause entdeckt hatte, die ein Glas der bunten Klötzchen hatte. Sie sind allerdings feiner und die Farben passen perfekt zur neuen Kollektion. Eine befreundete Schmuckmacherin, die mit mir gemeinsam Mode studiert hat, fertigt diese an. Alle meinen künstlerischen Freunde und Heros vervollständigen die Kollektion

Oft liegt eine hohe Erwartung auf der zweiten Kollektion. Beeinflusst dich diese Meinung in deiner Arbeit?
Beeinflussen eigentlich nicht, aber natürlich frage ich mich wie die Leute reagieren werden. Man hat mich schon etwas festgeschrieben auf Geometrie, Color-Blocking. Natürlich weiß ich dass das Thema jetzt durch ist, immerhin ist meine Abschlusskollektion von 2009. Einzelne Teile erinnern an das, was man von letzter Saison kennt. Das System bleibt gleich, wir aber neu interpretiert. Und ja, ich hoffe es gefällt.

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